Unsportliches Verhalten? – Die derzeitige Krise in Brasilien

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In einem Monat finden die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro statt und die Weltgemeinschaft wird ihren Blick auf Brasilien richten. Momentan interessiert sich jedoch noch kaum jemand für Brasilien, obwohl die Situation dort hochbrisant ist. Die wirtschaftliche und soziale Lage in Brasilien hat sich in den letzten Monaten stark verschlechtert: das Land befindet sich in einer der tiefsten Rezessionen der Landesgeschichte, die Arbeitslosigkeit steigt und es herrscht Perspektivlosigkeit. Neben einer schweren Wirtschaftskrise entwickelt sich parallel und untrennbar eine nicht  minder schwere politische Krise: Der Senat hat kürzlich für ein Amtsenthebungsverfahren gegen die Staatspräsidentin Dilma Rousseff (Arbeiterpartei) entschieden. Ein Schritt, der jede Demokratie in ihren Grundfesten erschüttert. Beide Krisen gestalten die Situation in Brasilien zunehmend komplexer und es bleibt die Frage, wie es zu dieser Lage kommen konnte.

An der wirtschaftlichen Misere Brasiliens sind einerseits die weltweit sinkenden Rohstoffpreise Schuld, aber auch jahrelange fehlerhafte Wirtschaftspolitik der regierenden Arbeiterpartei. Viele wirtschaftspolitische Maßnahmen waren ineffizient, weil es in dem von Korruption geprägten Land an fruchtbarem Nährboden für effektive wirtschaftspolitische Maßnahmen auf sozialer Basis fehlt. Hierbei sollten jedoch nicht die sozialen Errungenschaften der Arbeiterpartei vergessen werden. Eine Vielzahl von sozialen Maßnahmen haben den Brasilianern geholfen, Armut bekämpft und eine bessere Versorgung der Bevölkerung ermöglicht. Diese Maßnahmen können jedoch nicht die Folgen der wirtschaftlichen Krise abfangen, weshalb sich die Stimmung im Land gegen die Regierung Rousseff gewandt hat.

Darüber hinaus wird Brasilien derzeit von einem milliardenschweren Korruptionsskandal erschüttert, der Operation Lava Jato (Deutsch: Autowäsche). Führende Politiker, unter anderem auch Politiker der Arbeiterpartei, sind in ein Korruptionssystem um den halb-staatlichen Erdölkonzern Petrobrás verwickelt. Petrobrás-Aufträge sind hierbei zu überteuerten Preisen von privaten Bauunternehmern ausgeführt worden. Das überschüssige Geld teilten sich die Unternehmer und die Politiker untereinander auf. Über diesen Weg wurden schätzungsweise 3 Mrd. Dollar an staatlichen Mitteln unterschlagen. Der Skandal wird derzeit aufgedeckt und ein Politiker nach dem Anderen wird öffentlich angeklagt. Dies beschädigt die Reputation und den Rückhalt der Arbeiterpartei nachhaltig, weshalb Rousseff erklärt hatte, den Korruptionsskandal vollständig aufzuklären und alle verwickelten Politiker zur Rechenschaft ziehen zu wollen.

Aufgrund dieser innenpolitischen Situation gab es Im Laufe der letzten Monate eine Vielzahl von Demonstrationen gegen die Regierung Rousseff. Viele der Demonstranten waren desillusionierte Arbeiter, die von den sozialen Versprechungen Rousseffs in der derzeitigen Krise enttäuscht waren. Innerhalb der letzten Woche vor der Entscheidung über das Amtsenthebungsverfahren hat sich jedoch die Zusammensetzung der Demonstranten geändert: Weiß, gebildet und mit einem mittleren oder hohen Einkommen. Kurzum, die wohlhabenden Bürger Brasiliens stellen sich gegen die Regierung Rousseff. Sie protestieren gegen die sozialen Maßnahmen für die weniger Begünstigten und gegen die hohen Steuern, die diese Maßnahmen finanzieren sollen. Alle sozialen Errungenschaften der Arbeiterpartei sollen rückgängig gemacht werden. Unterstützt werden diese Demonstranten von einem Großteil der brasilianischen Medien und vor allem der einflussreiche Medienkonzern TV Globo berichtet gezielt gegen Rousseff und unterstützt eine mediale Hetzjagd. Internationale Medien haben die antidemokratische Stimme eines Großteils der brasilianischen Medien aufgenommen und berichteten in der Vergangenheit in einer ähnlich einseitigen Weise über die Korruption und Rousseffs Regierung.

Die negative Stimmung in der Bevölkerung bietet Möglichkeiten für die anderen Parteien, die regierende Arbeiterpartei abzulösen. Da die nächste Wahl 2018 stattfindet, wurde ein Amtsenthebungsverfahren angestrengt, welches Rousseff für Verfehlungen in ihrer Amtszeit von ihrem Amt als Präsidentin entheben soll. Sie wird jedoch nicht wegen Korruption oder fehlerhafter Wirtschaftspolitik angeklagt. Die Grundlage für das Amtsenthebungsverfahren gegen Rousseff: Verstöße gegen Haushaltsgesetze. Das Haushaltsdefizit soll dadurch verschleiert worden sein, dass vorübergehend Geld bei staatlichen Firmen ausgeliehen wurde, um Staatsausgaben zu finanzieren. Diese Posten tauchen erst später in der Haushaltsbilanz auf. So intransparent diese Aktion sein mag, sie wird schon seit Jahrzehnten praktiziert und ist darüber hinaus Gewohnheit in vielen Ländern. Viele Juristen glauben daher nicht, dass dies Grundlage für ein Amtsenthebungsverfahren sein kann. Rousseff selbst sagte aus, dass es sich bei dem Amtsenthebungsverfahren um einen institutionellen Staatsstreich handele, der die Arbeiterpartei stürzen solle.

Die Frage, die sich außerdem stellt, ist weshalb der Lava Jato Korruptionsskandal in diesem Kontext nicht weiter aufgeklärt wird? Die Antwort ist einfach: Es besteht kein Bedarf zur Aufklärung. Die Politiker und Parteien, die Rousseffs Amtsenthebungsverfahren forcieren, sind selbst in den Korruptionsskandal verwickelt. 36 der 38 Mitglieder der Amtsenthebungskommission des Parlaments sind in den Lava Jato Skandal involviert. Sie haben für das Verfahren gegen Rousseff gestimmt, da diese den Korruptionsskandal aufklären wollte und sie zur Rechenschaft ziehen wollte.

Da dem Amtsenthebungsverfahren zugestimmt wurde, ist Rousseff vorläufig suspendiert und es gilt zu klären, ob sie ihres Amtes enthoben wird. In dieser Zeit übernimmt eine Interimsregierung, welche von Vizepräsident Michel Temer angeführt wird.  Seine Partei der Brasilianischen Demokratischen Bewegung war vormaliger Koalitionspartner von Rousseffs Arbeiterpartei und hatte die Koalition im Rahmen der Proteste gegen Rousseff aufgekündigt. Das neue Kabinett besteht nun aus älteren weißen Männern, die gute Kontakte zur Wirtschaft und zur Finanzbranche haben. Temer möchte mit ihrer Hilfe eine neoliberale Wirtschaftspolitik durchsetzen, soziale Maßnahmen kürzen und Investoren in das derzeit wirtschaftlich schwache Brasilien locken. Obwohl ein aktueller Untersuchungsbericht des Senats Rousseff entlastet, halten die Opposition und auch die Interimsregierung an dem Amtsenthebungsverfahren fest. Es bleibt abzuwarten, ob dieser entlastende Bericht Rousseff vor der Amtsenthebung bewahren könnte, denn letztendlich liegt die Entscheidung nur bei dem brasilianischen Senat.  Sollte das Amtsenthebungsverfahren gegen Rousseff Erfolg haben, so übernimmt Interimspräsident Temer die Amtsgeschäfte bis zum Ende der Legislaturperiode und kann so seine Politik durchsetzen.

Es bleibt hier abzuwarten, ob diese Interimsregierung die Probleme Brasiliens lösen kann. Es sollte bedacht werden, dass beinahe wöchentlich Minister die Regierung verlassen, da ihnen die Verwicklung in Korruption nachgewiesen wird. Zusätzlich wird auch gegen Interimspräsident Temer ein Amtsenthebungsverfahren in seiner Position als Vizepräsident angestrebt, da er auch in den Lava Jato Korruptionsskandal verwickelt ist. Unter diesen Umständen gilt es, skeptisch zu sein. Kann die Interimsregierung die Probleme des Landes wirklich lösen? Noch fragwürdiger ist, ob sich die Lage in Brasilien überhaupt bis zu den Olympischen Spielen normalisieren wird.

Spätestens dann wird sich Weltöffentlichkeit der Situation in Brasilien bewusst.

Was denkt ihr darüber: Findet in Brasilien derzeit wirklich ein „institutioneller Staatsstreich“ statt, wodurch die Eliten ihre Interessen und Integrität schützen wollen?
Wird wiedermal eine demokratisch gewählte Regierung aufgrund von Wirtschaftsinteressen und neoliberaler Ideologie gestürzt?

Tobias Weitzel
07.07.2016

Quellen:
Delcourt, Laurent: Hexenjagd in Brasilien; in: Le Monde Diplomatique (2016),
Nr. 5, S. 4-5

Fischermann, Thomas: „Dies ist ein Staatsstreich“, in: Zeit Online (2016)
URL: http://www.zeit.de/politik/ausland/2016-03/dilma-rousseff-brasilien-putsch-petrobras-korruption-olympia-proteste (Stand: 06.07.2016)

Leahy, Joe: „What is the Petrobras Scandal that is engulfing Brazil?“, in: Financial Times (2016)
URL: http://www.ft.com/cms/s/2/6e8b0e28-f728-11e5-803c-d27c7117d132.html (Stand: 06.07.2016)

Fischermann, Thomas: „Brasiliens politischer Karneval“ in: Zeit Online (2016)
URL: http://www.zeit.de/politik/ausland/2016-04/dilma-rousseff-brasilien-amtsenthebung-abstimmung-parlament (Stand: 06.07.2016)

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Sturmbringer Teil 3

…diesmal mit einer Dokumentation, welche einen Blick in die Schattenkriege der USA wirft, welche anhand von „black ops“-Einheiten wie der „jsoc“ ausgeführt werden, unter dem Tarnmantel der militärischen Geheimhaltung verschwinden und somit nicht öffentlich thematisiert werden- für die Betroffenen vor Ort aber bittere Realität sind.

 

Alexander Gertz

 

 

Der Terrorist.

Besonders im postkolonialen oder marxistisch geprägten Ansätzen besitzt das Konzept des „Terroristen“ andere Implikationen als die, welchen wir in unserer medialen Berichterstattung oftmals anhand von binären Unterscheidungen (gut und böse, Westen und Naher Osten, christlisches Abendland und islamistischer Terror) begegnen. In diesem Diskurs sei besonders dieser Auszug aus einer Studie von (den nicht-marxistischen Politikwissenschaftlern) Jochen Hippler, Nasr Hamid Abu Zaid und Amr Hamzawy empfohlen, welche  im Rahmen des „Europäisch-islamischen Kulturdialogs“ des Auswärtigen Amtes entstanden ist und dem Bild des bitterarmen, ungebildeten Terroristen, welcher „unsere Freiheit hasst“ (ZItat Christian Lindner, FDP) mit empirischer Untersuchung begegnen möchte.

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Alexander Gertz

Die Sache mit der globalen Schere…

…und die zu ziehenden Schlüsse. Da sich die Tutorien diese Woche rund um den Marxismus drehten, gibt es heute vier  Quellen (drei davon sehr kurz), welche euch zusätzliches Hintergrundwissen liefern sollen. Den Anfang macht ein Video, welches die Hauptproblemstellung der im Tutorium vorgestellten marxistischen Theorien gut umreißt, visualisiert und wirklich überraschende Zahlen ans Tageslicht bringt:

 

Auch sei hier nochmal dieses (in einigen Tutorien schon gezeigte) 2-minütige Video angefügt, in welchem John Perkins seine Sicht des internationalen kapitalistischen Systems umschreibt. Perkins war ein Economic Hit Man, ein Wirtschaftskiller. Seine Aufgabe bestand darin, Entwicklungsländer zu besuchen und den Machthabern überdimensionierte, überteuerte Großprojekte zu verkaufen, die sie in eine Abhängigkeit von den USA brachten. Zwölf Jahre lang hat Perkins diesen Beruf ausgeübt, bis er sich aus dem System löste und dieses Buch über seine Erfahrungen schrieb:

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Hier also seine zwei Minütige Zusammenfassung:

 

Auf Perkins bezieht sich in diesem Artikel auch Dr. Paul Craig Roberts- einer der renommiertesten amerikanischen Journalisten zu Wirtschaftsfragen und stellvertretender Finanzminister der Vereinigten Staaten unter Reagan- und zeichnet ein eher unkonventionelles Bild der aktuellen Geschehnisse in Griechenland:

http://www.cashkurs.com/kategorie/wirtschaftsfacts/beitrag/wir-sind-in-die-pluenderungsphase-des-kapitalismus-eingetreten-deutschlands-angriff-auf-den-iwf/

 

Zum Schluss für alle Interessierten noch ein Podcast des diesjährigen „marx is muss“-Kongresses zur aktuellen Relevanz der klassischen marxistischen Imperialiusmustheorie:

 

Alexander Gertz

Sturmbringer Teil 2

Während jeden Tag tausende Flüchtlinge nach Europa kommen und die ersten Länder bereits Grenzzäune bauen, um die Festung Europa unerreichbar zu machen, wird die logischste und naheliegendste Frage gar nicht mehr gestellt: Was ist die Hauptursache für Flucht? Verfolgt man die Kette der Gründe bis zu ihrem Ursprung, so kommt man zum Ergebnis: Zum Großteil WIR.

Oder um etwas weniger polemisch zu klingen, unsere Außenpolitik. Ein kleiner Gang durch die Geschichte der westlichen Interventionen im Nahen Osten, der zeigt, dass die derzeitige „Flüchtlingskrise“ ihren Anfang und ihr heutiges Ausmaß in Einmischungen des Westens nahm.

 

 

  1. Der Verrat

 

Der Nahe Osten. Dieses geographisch nicht definierte Gebiet südöstlich von Europa ist in den Köpfen vieler Menschen ein durch wiederholte Medienberichte konstruiertes Bild: Explodierende Autos, brutale, verrückte und narzisstische Diktatoren, religiöse Fanatiker, Steinigungen, nicht vorhandene Frauenrechte und vor allem: Krieg.

Keine Region der Welt wird in den westlichen Medien häufiger thematisiert als diese, die „arabische Welt“, diese rückständige, barbarische Gegend, die häufig als das Gegenteil all dessen dargestellt wird, was als „Westliche Welt“ oder „Demokratische-Freiheitliche Welt“ gilt. Saddam Hussein, Muammar al-Gaddhafi, Bashar al-Assad, Ayatollah Khomeini, wo kamen sie alle her, diese neuen Hitler, die die „Achse des Bösen“ bildeten, wie der Großmeister der Kampfbegriffe G.W. Bush sie nannte?

Nach dem Ende des 1. Weltkrieges war das, was wir heute als „Naher Osten“ verstehen, im Prinzip zum größten Teil unter der Herrschaft des osmanischen Reichs und im Falle Persiens (das von den Briten in „Iran“ umbenannt wurde) und Ägyptens des britischen Empires. Da das osmanische Reich mit Großbritanniens Kriegsgegner Deutschland verbündet war, hatten die Briten den Völkern und Stämmen Arabiens und des Nahen Osten ein Angebot gemacht: Im Austausch für die Unterstützung im Kampf gegen die Osmanen sollten die Araber einen eigenen Staat von Syrien bis nach Jemen bekommen. Diese stimmten zu, die Briten jedoch brachen ihr Versprechen nach dem Krieg und teilten das Gebiet des heutigen Israel, Libanon, Syrien, Jordanien und Irak mit Frankreich unter sich auf. Im sogenannten Sykes-Picot-Abkommen, dass bereits 1916 unterzeichnet worden war (womit bewiesen ist, dass die Briten ihr Versprechen niemals einhalten wollten), wurden die Grenzen zwischen diesen Ländern mit Lineal und Stift über die Karte gezogen – ein Blick auf die Karte zeigt, dass sich das bis heute nicht geändert hat.

Nach dem Ende des 2. Weltkrieges zogen sich Briten und Franzosen nach und nach freiwillig oder aufgrund von Unabhängigkeitskriegen aus ihren Kolonialgebieten zurück. Sie hinterließen das Land meist den Königsfamilien oder anderen Eliten, die diese Gebiete schon während der Besatzungszeit für ihre Kolonialherren verwaltet hatten. Anstatt freie Wahlen durchzuführen und eine demokratische Verfassung aufzusetzen, wurden die Länder sich und ihren Diktatoren selbst überlassen.

 

  1. Das Marionettentheater

 

Dies war aber bei genauerer Betrachtung für die – erdölabhängigen – westlichen Industrieländer von Vorteil. Mit einem Diktator verhandelt es sich leichter als mit einer Regierung, die ihrem Volk Rechenschaft schuldig ist. Das zeigte sich für Großbritannien und die USA 1953 im Iran: Dort gab es – viele mögen es kaum glauben – eine Demokratie mit einem demokratisch gewählten Präsidenten, Mohammad Mossadegh. Dieser wollte die iranische Erdölförderung verstaatlichen, damit das Volk auch vom Erdölreichtum des Landes profitiert. Der britische Ölförderer BP hatte damals das Monopol zur Ausbeutung des iranischen Öls und da weder Großbritannien noch die USA ein Interesse hatten, dieses zu verlieren, wurde Mossadegh, ein demokratisch gewählter Präsident, mithilfe von MI6 und CIA gestürzt. An seine Stelle trat Schah Mohammad Reza Pahlavi, ein Diktator wie er im Buche steht, der allerdings die Verstaatlichung des Erdöls wieder rückgängig machte. Seine Herrschaft wurde 1979 durch die islamische Revolution unter Ayatollah Khamenei beendet.

Dieses Regime war dem Westen selbstverständlich wieder ein Dorn im Auge. Um den Iran zu bekämpfen, lieferten die USA von 1980 bis 1988 Waffen an einen gewissen Saddam Hussein, den verbündeten Diktator des Iraks. Es ist bewiesen, dass Saddam in dieser Zeit massenhaft Kurden vergaste – doch er durfte noch ganze 21 Jahre nach Ende des Krieges weiterregieren, ehe George W. Bush auffiel, dass der Mann das Böse in Person sei und ihn zum Feind erklärte. Dass Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen besitze, war ebenso eine Lüge wie die Absicht, Demokratie und Menschenrechte in den Irak zu bringen. Nach dem Einmarsch der USA 2003 wurden große Teile der Erdölvorkommen von Ölkonzernen wie Exxon Mobil erschlossen.

Nicht viel besser erging es Muammar al-Gaddhafi in Lybien, den sowohl Europa als auch die USA über 42 Jahre hinweg unterstützten. Er beging denselben Fehler wie seine Vorgänger: Er handelte gegen die Interessen des Westens. Gaddhafi plante, sein Erdöl in Zukunft nur noch in einer neuen Währung, dem Gold-Dinar, zu verkaufen, nicht mehr in US-Dollar, wie es bis heute üblich ist. Der US-Dollar wäre seit der Aufhebung der Kopplung an den Goldstandard unter Nixon 1971 heute eigentlich nichts mehr wert, müsste nicht jeder seine Währung in US-Dollar umtauschen, um Erdöl zu kaufen. Im Gegensatz zu allen anderen Staaten des arabischen Frühlings mischte sich der Westen in Lybien ein und bombadierte Gaddhafi in den Tod. Seitdem ist Lybien ein anarchischer Staat mit vielen sich gegenseitig bekämpfenden Gruppierungen.

Zuletzt noch der wohl schwerste Eingriff des Westens in die Geschicke der Region: Nach dem Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan 1979 rüsteten die USA zusammen mit Saudi-Arabien radikale sunnitische „Freiheitskämpfer“ – die „Mudschahedin“ auf Arabisch – auf, damit sie die Sowjetunion zum Rückzug aus Afghanistan zwingen würden. Ihr Anführer war ebenfalls ein bekannter Mann, der später zum „nächsten Hitler“ wurde: Osama bin Laden.

Nach dem Ende des kalten Krieges wurden diese mehr als 100.000 bewaffneten und radikalisierten Männer ohne Aufgabe zurückgelassen. In einem langen und blutigen Bürgerkrieg kämpften sie sich an die Macht, spalteten sich auf und nannten sich fortan „Taliban“ und „Al-Quaida“. Nach dem Einmarsch der US-Truppen in Afghanistan 2001 und dem Sturz des Taliban-Regimes, verteilten sich die einstigen „Mudschahedin“ über den ganzen Nahen Osten, bis die 200.000 entlassenen Männer der irakischen Armee 2003 zu ihnen stießen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis jemand auf die Bildfläche treten würde, um diese frustrierten und radikalisierten Männer zu vereinen. Die neuste Ausprägung dieser Truppe nennt sich „Islamischer Staat“. Wer gerade aufmerksam gelesen hat, erkennt, dass die USA und der Westen die Taliban, Al-Quaida und den IS im Prinzip selbst erschaffen haben. Wer den Wind säht, der wird Sturm ernten.

 

  1. Demokratie und Menschenrechte oder Erdöl?

 

Bei allen Interventionen des Westens im Nahen Osten wird stets davon gesprochen, Menschenrechte, Demokratie und Frieden verbreiten zu wollen oder zumindest die barbarischen Diktatoren abzusetzen, um den Menschen zu helfen. Bei genauerer Betrachtung ist klar, dass es darum selbstverständlich nicht geht. Niemand gibt 640 Milliarden Dollar im Jahr[1] aus, um der Welt Demokratie und Menschenrechte zu bringen. Die bösen Diktatoren, die wir heute verteufeln, waren bis gestern unsere dicksten Freunde und werden es vielleicht auch morgen wieder sein. Saddam Hussein, Gaddhafi, Ben Ali, Bashar al-Assad, der Westen hat sie alle unterstützt. Die roten Khmer brachten in Kambodscha Millionen um und in Ruanda gab es einen Völkermord – der Westen intervenierte nicht. Saudi Arabien ist eine absolute Monarchie, in der Steinigungen, Auspeitschen und die Todesstrafe an der Tagesordnung sind- jedoch ist das Land „unser Partner am Golf“. Dubai, Abu Dhabi und Qatar lassen viele Menschen vom indischen Subkontinent unter erbärmlichen Bedingungen wie Sklaven arbeiten. Doch da auf ihrem Boden ohnehin schon US-Militärbasen stehen, muss in diese Länder nicht einmarschiert werden.

Viele mögen die Augen verdrehen, wenn ich das Erdöl als den wichtigsten Grund für die Interventionen des Westens im Nahen Osten angebe. Das mag daran liegen, dass uns im Alltag überhaupt nicht bewusst ist, wie abhängig wir vom Erdöl sind. Die Menschheit verbraucht jeden Tag 90 Millionen Barrel (159 l) Öl am Tag. Zum Vergleich: 1946 waren es 6 Millionen. Ohne Öl steht unsere Welt still. Die Wirtschaft bricht zusammen, Autos bleiben stehen, Flugzeuge am Boden, das Essen in den Supermärkten geht zur Neige. Wir sind extrem verwundbar, uns ist es nur nicht bewusst. 2/3 der weltweiten Erdölreserven liegen im Nahen Osten. Wer sie kontrolliert, kontrolliert die Weltwirtschaft. Wer die Weltwirtschaft kontrolliert, hat die Macht, jedem Staat der Welt seinen Willen aufzuzwingen. So transformiert sich ein riesiges Gebiet in Vorderasien, aus dessen Schoss viele bedeutende, später vom Okzident assimilierte Entdeckungen, Erfindungen und Ideen sprossen, in den Augen der Machtträger unserer Welt zur „Tankstelle“- und unser Bild bricht runter auf blutrünstige, Turban- und Barttragende Terroristen.

 

Die eigentlich entscheidende Frage ist: Wie bekommt man ein demokratisch regiertes Land dazu, gegen ein anderes Land in den Krieg zu ziehen, weil man seine Bodenschätze kontrollieren will?

[1]Das ungefähre Militäretat der USA, auf Platz 2 rangiert Russland mit ca. 90 Milliarden

Simon Schairer

Wanted: Titel

Hey Leute,

Wie ihr durch die Tutorien eventuell schon mitbekommen habt, wollen wir parallel zu diesem Blog und einer eigenen Website noch ein online-Studentenmagazin starten lassen, welches die Studierendenschaft dann trägt und mit selbstgeschriebenen Papers, die zu lang für diesen Blog wären (6000-9000 Zeichen), füllt. Nun braucht so ein Magazin natürlich einen knackigen und klingenden Namen (siehe zum Beispiel das „millenium“ Magazin) und hier kommt ihr ins Spiel: Habt ihr coole Ideen, dann schreibt sie hier in die Kommentarspalte und gebt unserem neuen Format einen Klang 🙂

 

Alex

 

 

Die Sturmbringer im Nahen Osten?

In den Tutorien wird oft das Thema „Naher Osten“ aufgegriffen. Dies ist nicht verwunderlich, zählt der Orient doch zu den politisch und militärisch heißesten Punkten dieser Erde und lässt uns die aus diesen Konflikten erwachsenden langfristigen Wirkungen auch anhand der vor unseren europäischen Küsten sinkenden Flüchtlingsbooten sehen. Doch vielleicht lohnt sich hier eine historische Betrachtung, denn wie so oft gilt: Ist die Usache bekannt, ist die Lösung schon in Griffweite. Begeben wir uns also auf Spurensuche:

Als Aufhänger soll hierzu ein vor 3 Wochen im Wirtschaftsblatt publizierten Artikel dienen:

http://wirtschaftsblatt.at/home/nachrichten/international/4925760/Amnesty-gibt-Westen-erhebliche-Mitschuld-an-gewaltsamen-Krisen

 

Nun gut, die Rede ist vom Waffenhandel und da steht Deutschland als rüstungstechnisch exportstarkes Land- besonders in den nahen Osten- nicht besonders gut da. Aber was ist mit dieser Anschuldigung gemeint?

„Einige dieser Gruppierungen“ seien „sogar ausgebildet worden von westlichen Armeen“. Dies führe zu einem „Teufelskreis der Gewalt“.

Ziemlich diffus und schwammig- nur krude Verschwörungstheorie? Aber andererseits aus dem Mund einer renommierte NGO wie Amnesty. Was ist also dran? Schauen wir uns dazu zwei Videos der Anstalt an:

 

 

Hmm… das ist starker Tobak. Für die zeitreicheren unter euch sei eine wunderbare historische Betrachtung des Kabarettisten Volker Pispers ans Herz gelegt:

 

Eine akademischere und kabarettfreie Variante des Gesagten könnt ihr auch in Michael Lüders Buch „Wer den Wind sät“ nachlesen.

Bewusst soll hier auf ein Fazit verzichtet werden, dafür seid ihr da- was ist eure Meinung dazu? Lasst euren Gedanken in der Kommentarspalte freien Lauf! Bald werden wir auch einen eigene  Fließtext hierzu online stellen.

 

Zum Schluss soll hier noch eine sehr gute Doku von Arte empfohlen werden, die einen tiefen Blick in den Daesh wirft und daraus einige sehr interessante Conclusionen zieht- und achtet mal ab Minute 6 darauf, wo Al-Baghdadi- einer der 25 Anführer des IS- sich radikalisiert und das Fundament für den IS geschaffen hat. Es sei nur soviel verraten: Nicht etwa in irgendeiner Moschee, oder in einer dunklen Höhle im Irak oder Afghanistan, wie wir es uns im Westen gern zurechtmalen wollen würden 😉

Alexander Gertz

Alles neu macht der Mai…

…und unser erster Blogeintrag erspäht das Licht der Welt. Hier soll es in Kürze um das Thema gehen, welches wir schon im ersten Tutorium angesprochen haben: Medienkompetenz. Das die Sphäre „Politik“ schon lange ein inniges Band mit der Sphäre „Medienlanschaft“ pfelgt und letztere somit ihren Titel „vierte unabhängige Gewalt“ unter ein dickes Fragezeichen stellt, beweist ziemlich anschaulich dieses Video vom (sehr empfehlenswerten) Kabarettformat „die Anstalt“:

 

Was soll hieraus das Fazit sein? Keine Medien zu konsumieren?  Dies als Einzelbeispiel abzutun und weiterhin seinen medialen Weg zu gehen? Sich zur AFD-esquen „Lügenpresse!“-Fraktion zu gesellen? Oder zu akzeptieren, dass die Medien eines jeden Landes auf die eine oder andere Weise Lobbyismus betreiben und dass somit nur pluraler Konsum möglichst vieler verschiedener Medien mit möglichst diametralen Ansichten und Hintergrundinformationen einen der Wahrheit näher bringen kann? Was denkt ihr dazu? Welche Formate konsumiert ihr, um euch zum tagespolitischen Geschehen zu informieren und wieso? Haltet ihr das überhaupt für essentiell, um ein mündiger Bürger unserer Gesellschaft zu sein? Schreibt eure Meinung hierzu in die Kommentare!

Als thematische Ergänzung sei hierzu noch ein Vortrag vom Historiker Dr. Daniele Ganser sehr stark empfohlen!

 

Alexander Gertz